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Draisinen auf der Überwaldbahn (1344 Klicks)

22. September 2013 11:58
Seit 18. August 2013 fährt sie nun endlich, die sogenannte "Solardraisine" auf der Überwaldbahn zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach.

Vergangene Woche hatte ich Gelegenheit, die Draisinenbahn selbst kennenzulernen.

Hier einige meiner Eindrücke :

Wer mit dem Zug anreist bis Mörlenbach-Bahnhof, hat (wenn er ortsunkundig ist) zunächst Schwierigkeiten, den "Bahnhof" der Draisinenbahn zu finden.

Endlich angekommen, bietet sich folgendes Bild :



Schön aufgereiht stehen sie da, die 10 (von zukünftig 24) Draisinen. Alle hängen an der Steckdose und werden (mit Atomstrom ?) aufgeladen.

Laut Info des Betreibers [www.solardraisine-ueberwaldbahn.de] handelt es sich um
"1,4 Tonnen schwere, muskelelektrische Hybrid-Schienenfahrzeuge, die bis zu sechs Personen Platz bieten .
Die Draisinen werden mit Tretkurbeln bewegt, die an vier Sitzplätzen montiert sind. Mit der gespeicherten Solarenergie wird der Antrieb unterstützt . Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 15 Stundenkilometer .
"

Jede Draisine hat 8 (!) Sitzplätze, davon sind die vier äußeren mit Tretkurbeln versehen.





Vorne rechts sitzt der Fahrer, der durch Treten die Draisine in Bewegung setzt und durch Nicht-Treten die Draisine anhält.
Die restlichen drei "Treter" beeinflussen die Fahrt nicht (sie erzeugen möglicherweise etwas Strom).

Außer fahren mit 15 km/h und nicht-fahren gibt es keine Möglichkeit, langsam fahren mit 5 km/h oder 10 km/h geht nicht.

Die Draisinen sind überdacht, wobei das Dach nicht übersteht, so dass die äußeren 6 Sitze bei unserer Ankunft nass waren und erst mit diversen Tempo-Taschentüchern trockengerieben werden mussten. Etwas größere Dächer könnten das Problem abmildern.

Vor dem Start der Draisinen muss sich pro Draisine ein Mitfahrer per Unterschrift als verantwortlicher Fahrer anmelden und dabei seinen gültigen Führerschein vorlegen (wer nimmt schon zu so einem Freizeitvergnügen seinen Führerschein mit, wenn er mit der Bahn anreist). Dieser verantwortliche Fahrer darf auch keinen Alkohol zu sich nehmen.

Die Prozedur des Anmeldens und Einweisens bei einer größeren Gruppe dauert (gefühlt) ewig.
Jeder Fahrer bekommt bei seiner Anmeldung eine feste Draisine zugewiesen (sie sind nummeriert),
aber nicht etwa der zuerst angemeldete die erste Draisine, der zweite die zweite usw, sondern schön nach Zufallsprinzip, so dass die erste Draisine bis zu ihrer Abfahrt warten muss, bis alle Fahrer angemeldet sind. Dann werden noch alle Fahrer gemeinsam eingewiesen, bis sich schließlich (nach rund einer Stunde) die erste Draisine in Bewegung setzen konnte.

Das Fahren ist für den Fahrer nicht schwer (Fahrradfahren ist wesentlich anstrengender), denn die Kurbel hat ja keine direkte Verbindung mit den Rädern der Draisine, sie steuert ja nur den Elektromotor.
Gewöhnungsbedürftig ist es, dass die Draisine für den Fahrer keine Bremse hat: er kann nur aufhören mit dem Treten und hoffen, dass die Draisine dann abbremst und stehenbleibt, was sie auch immer tat - allerdings nicht abrupt, so dass es zunächst schwierig ist, an einem bestimmtem Punkt gezielt anzuhalten.

Dann ging es also los auf die rund 11 Kilometer lange Strecke über Kreidach nach Wald-Michelbach :



Gleich am Start die erste Bewährungsprobe: ein Bahnübergang muss freigeschaltet werden per Knopfdruck an einem Taster.
Es kann immer nur eine Draisine den BÜ überqueren, dann bekommen die Autos freie Fahrt und dann erst kann sich die nächste Draisine ihre Fahrt anfordern. Auf diese Weise haben alle abfahrenden Draisinen einen größeren Abstand, der Sicherheitsabstand von 50 Metern ist also zunächst automatisch gegeben (wenn nicht eine Draisine vor einem anhält und einen ausbremst).

Nun geht es ohne jede Anstrengung ständig bergauf bis nach Kreidach, mit schönen Ausblicken, über Viadukte



durch den Mackenheimer Tunnel





bis nach Kreidach, wo die stark befahrene Straße zur Kreidacher Höhe überquert werden muss,
wieder mit anfordern, freischalten usw :





Dann geht es zu dem Tunnel unter der Kreidacher Höhe, in dem das ganze Jahr über die Jahresdurchschnittstemperatur von ca 10 Grad herrscht. Da es vergangene Woche auch außerhalb des Tunnels keine wesentlich höheren Temperaturen gab, waren die meisten Draisinenfahrer schon vorher durchgefroren. Die Draisinen haben ja keine schützende Verkleidung, der Fahrtwind von 15km/h weht einem beständig um die Nase (im Hochsommer sicher sehr angenehm - bei Regenwetter nicht gerade gesundheitsfördernd).



Da der Tunnel hell beleuchtet ist, ist die Tunneldurchfahrt wenig abenteuerlich.



Spuren von dem Explosionsunglück am 29. April 1945, als im Tunnel abgestellte Güterwagen mit Munition und ein Tankwagen mit Treibstoff in Brand gerieten und explodierten (und den Tunnel teilweise zum Einsturz brachten), konnte ich nicht entdecken.

Dann ging es das kurze Stück bergab zum Waldmichelbacher "Hauptbahnhof", wo die Draisinenbahn endet.

Die Bahnstrecke selbst führt allerdings noch weiter bis Unterwaldmichelbach, wo vor ziemlich genau 30 Jahren (am 23.09.1983 oder nach anderen Quellen am 23.05.1983) der letzte planmäßige Personenzug abfuhr.
Früher(TM) (bis Ende der 70er Jahre) ging die Strecke noch weiter durch das obere Ulfenbachtal bis nach Wahlen kurz vor Grasellenbach.
Ein Blick Richtung Unterwaldmichelbach :


In Waldmichelbach gab es dann eine zweistündige Pause, die ein Teil der Draisinenfahrer zu einem Besuch bei der Sommerrodelbahn auf der Kreidacher Höhe nutzte, ein anderer Teil zum Kaffeetrinken in Waldmichelbach
(die Ausschilderung ist noch verbesserungsfähig !).

Die Draisinen waren währenddessen im schön renovierten (nur noch eingleisigen) Bahnhof Waldmichelbach abgestellt.





Auf der Rückfahrt nach Mörlenbach dann noch ein Erlebnis der besonderen Art :

Bei einer Draisine hatte sich wohl die Bremse nicht richtig gelöst, und die Draisine fing an, verschmort zu riechen, um dann mitten im Wald zwischen Kreidach und Mörlenbach ganz stehenzubleiben. Es war ausgerechnet die erste Draisine, so dass die anderen Draisinen nacheinander aufliefen und sich ein Stau bildete.
An eine Weiterfahrt war zunächst nicht zu denken.
Das "Notfallmanagement" der Draisinengesellschaft koppelte nun die zweite Draisine mit einer Hilfskupplung an die erste, um bei der ersten von Hand die Bremsen lösen zu können, ohne dass die dann wohl ungebremste Draisine mit Karacho nach Mörlenbach rasen könnte. Vorher war die Draisine natürlich evakuiert worden, und die Mitfahrer mussten sich auf die restlichen Draisinen verteilen.
Nach gut einer Stunde Zwangsaufenthalt mitten im Wald ging es dann weiter, wobei die zweite Draisine die erste vor sich her schob bzw bremste.

Insgesamt war es eine sehr interessante lustige Tour, es hat viel Spaß gemacht - und es ist ein teurer Spaß.

Hinweisen möchte ich am Schluss noch darauf, dass die Verwirklichung der "Solardraisine" sehr viel Steuergelder verbraucht hat, und dass das Projekt nicht nur Freunde hat [www.buergerforum-ueberwald.de] .

Man kann nur hoffen, dass das Projekt ein Erfolg wird und den Tourismus im Überwald insbesondere in Wald-Michelbach fördert.
.
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bassemohluff 22. September 2013 11:58

Re: Draisinen auf der Überwaldbahn (560 Klicks)

Linie 6 - Zentralfriedhof 22. September 2013 18:09

Re: Draisinen auf der Überwaldbahn (598 Klicks)

Tw237 22. September 2013 20:11

Re: Draisinen auf der Überwaldbahn (576 Klicks)

Lokleitung 23. September 2013 10:04



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