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[US] (halb)Rundreise durch das Land von Mickey Mouse, Teil 1: Chicago(mB) (313 Klicks)

09. Juni 2022 08:48
Mahlzeit,
auch wenn ich meinen Interrail-Bericht von letztem Jahr noch immer nicht zu Ende geführt habe, so möchte ich diesen überspringen und nach 3,5 Wochen USA-Urlaub von meinen Erlebnissen berichten, solange die Erinnerung noch frisch ist ;-)

Ursprünglich hatten wir 2019 schon Flüge für das Frühjahr 2020 bei Lufthansa nach Thailand gebucht. Doch dann kam ja das, was im Grunde bis heute noch andauert. Lufthansa bot uns 50 € fürs Umbuchen und wir buchten um. Man konnte noch immer nicht reisen und 1.200 € wurden in ein Deposit umgewandelt. So alle 1-3 Monate wurde die Frist zum Einlösen verschoben und wir mussten uns in Warteschleifen hängen. Fernziele waren weiter noch in Ferne.

Doch dann öffneten die USA wieder vollumfänglich und wir machten uns Gedanken darüber unser Deposit für eine USA-Reise einzulösen. Als wir dann Mitte März mit dem Buchungswunsch zu Lufthansa kamen, konnte man sich erst gar nicht mehr an unser Deposit erinnern, bis wir nach langen Telefonaten an eine Mitarbeiterin kamen, die wusste, wo sie nachschauen musste. Dann konnten wir buchen. Mit dem Deposit jedoch nicht online, sondern nur am Telefon. Der Haken dabei: Am Telefon wollte die Dame dann nicht wie im Internet 1.300 für beide hin und zurück, sondern 1.500 und zwar pro Person und Richtung, also insgesamt 6.000 €. Für einen Flug in der Holzklasse!

Die Dame konnte zum Glück nachvollziehen, dass mir da der Kragen etwas platzte und bot an, den einst gezahlten Betrag „aus Kulanz“ auszuzahlen.
Insbesondere als langjähriger und treuer Lufthansa-Aktionär hat mich dieses Verhalten „meiner“ Airline stark enttäuscht.
Also suchten wir nach neuen Flügen und wurden bei BA fündig. Gut 1.200 € für Frankfurt – Chicago und Los Angeles – Düsseldorf, für zwei Personen, jeweils über London, Abreise in gut 5 Wochen. Damit konnten wir leben.

Für mich sollte das dann der erste, für meine Freundin der zweite Besuch in den USA sein. Für mich, mit einem sagen wir mal sehr schienenbezogenem Interessensschwerpunkt gab es da schon einige Dinge, die ich auf jeden Fall sehen wollte. Dazu gehörten insbesondere die städtischen Verkehrssysteme von Chicago, San Francisco und Los Angeles, die grundsätzlich unterschiedlich, doch alle für sich sehr liebenswert sind. Und wenn ich dann zwischendrin noch einen langen Ami-Güterzug sehe, bin ich bedient :-)

Auch für diese Reise hatte ich natürlich wieder meine Schwandl-Büchlein dabei, die für ÖPNV-Interessierte sehr zu empfehlen sind:
[www.schwandl.com]



Das Literaturangebot zu amerikanischen Nahverkehrssystemen ist verglichen mit Deutschland gefühlt ungleich größer und bereits in Teilen in meiner Sammlung. An besonders bemerkenswertes Werk der jüngsten Zeit ist das Buch „Trains Busses People“ des Verkehrswissenschaftlers Christof Spieler, das ich an dieser Stelle wärmstens empfehlen möchte:

[islandpress.org]

Er analysiert und beschreibt darin neben einem allgemeinen verkehrswissenschaftlichen Teil sehr präzise und fundiert alle Nahverkehrssysteme amerikanischer Großstädte und Ballungsräume.


Da wir sonst eher Spontanreisende sind und eine Festlegung so viele Wochen vorher schon befremdlich war, haben wir sonst noch nichts näher gebucht und uns nur grob Gedanken gemacht, was wir so zwischen Chicago und L.A. sehen wollen.
Ein Grund die Hinreise auf Chicago zu legen, war die Reise mit dem California Zephyr, der in 52 Stunden die gut 4.000 km lange Strecke bis Emeryville (San Francisco) zurücklegt.
Diesen haben wir dann auch noch kurz vor Abflug in Deutschland gebucht. Der Gedanke in Denver und Salt Lake City zu unterbrechen, musste jedoch bald schon verworfen werden, da die Züge relativ gut ausgebucht waren. Daraus ergab sich dann auch dass wir fünf Tage in Chicago hatten, bis es wieder freie Schlafwagenplätze gab.
Doch zu dieser Zugfahrt im nächsten Teil mehr…


Die fünf Tage Aufenthalt in Chicago waren gut rumzubringen, aber erstmal von Anfang an:




Unser erster Flug ging von Frankfurt nach London, zu nächtlicher Stunde um kurz nach 7 Uhr in der Frühe. Was ich bei der Buchung etwas verdrängt hatte, waren die langen Vorlaufzeiten für Langstreckenreisen, weshalb wir Mannheim schon um kurz vor 2 Uhr verlassen mussten. Entsprechend übernächtigt waren wir. In London bestiegen wir dann diesen Flieger, der uns nach Chicago bringen sollte.









Schon kurz nach Start gab es die erste Mahlzeit. Das Filmangebot an Bord war gut und der Service von BA freundlich und nahezu immer greifbar.






Ein erster Blick auf Chicago durch das trübe Flugzeugfenster







Blick auf den Flughafen O’Hare.
Dort erfolgte dann auch unsere Einreise in die USA. Schon zuvor hatte ich viele Horrorgeschichten über das Einreiseprozedere und US-Grenzbeamte gehört und gelesen. Jeder, der in den letzten 20 Jahren dort war, wusste von einer unangenehmen Begegnung zu berichten.
Das war in unserem Fall zum Glück nicht so. Da saß ein freundlicher Beamter, der kurz meine Fingerabdrücke scannte, meinen Pass checkte und mich anschließend in den USA willkommen hieß.








Am Flughafen kauften wir uns gleich eine Wochenkarte für die U-Bahn und bestiegen diese. Aber Achtung, möchte man sich die Fahrkarte holen, braucht man ein Ventra-Karte. Und um diese zu bezahlen zu können, muss man eine Postleitzahl angeben. Hier half eine CTA-Bedienstete weiter: „geben Sie einfach 55555 ein“.

Noch am Mittag unserer Ankunft bezogen wir unser Hotel, das wir kurz zuvor über hotels.com in der zentralen West Adams street gebucht hatten.
Anschließend erkundeten wir etwas die Stadt.









Für Bahnfans ist Chicago besonder herausragend, ist des doch einer der wichtigsten Eisenbahnknoten im Land und verfügt mit der „L“ über ein herausragendes Transportsystem.
„L“ steht dabei für „El“ wie „Elevated“, also Hochbahn. Und diese zieht sich durch die ganze Stadt. Die Innenstadt wird dabei durch einen Hochbahnring umrundet, der für zahlreiche Linien der U-Bahn die Endstation bildet. Sie befahren ihn in einer großen Schleifenfahrt.

Zwei Linien verkehren in der Stadt unterirdisch. Das war wohl für das gesamte System angedacht, doch erkannte man zwischenzeitlich die große, auch stadtgeschichtliche und kulturelle Bedeutung der „L“ und schein die Viaduktstrecken in der Innenstadt nun zu belassen.









Als besonders kurios sei zu erwähnen, dass die „L“ für Schnellbahnen eher untypisch zahlreiche niveaugleich Kreuzungen und Bogenradien bis zu 27 m aufweist.
Wenn das mal nichts für die Modellbahn ist! Ich träume doch schon länger von einer Stuben-Hochbahn in 1:22,5







An mehreren stellen gibt es Hubbrücken, welche von der Metro passiert werden.








Zwischenrein gab es bei uns die lokaltypische „Deep Dish Pizza“, ein besonders schmackhaftes und sättigendes Werk fettiger Backkultur.










Zwischenrein konnte ich immer mal wieder ein paar Hochbahn-Bilder machen….







In den Außenbereichen verkehrt die „yellow line“, die in modellbahngerechten 2er-Zügen unterwegs ist.







Bis vor wenigen Jahren verkehrte sie teilweise unter Fahrleitung, jetzt wie der Rest mit von oben bestrichener Stromschiene. Hier zu sehen an einem niveaugleichen Bahnübergang mit Stromschiene.








Grundsätzlich gehe ich aus Gründen der Ausdehnung (Rahmen sprengen und so…) nicht auf jede Mahlzeit der 24-tägigen Reise ein, aber diese hier möchte ich im Interesse der Essenbild- und Schwarzbalkenfreunde noch erwähnen: Unser erstes Frühstück in Chicago nahmen wir im eleven city diner zu uns, den ich an dieser Stelle empfehlen möchte. Die Mahlzeiten sind schmackhaft und die Portionen halten eigentlich den ganzen Tag über satt.
Besonders angetan war ich von meinem Schoko-Shake, zu dem ich den Mixbecher direkt dazu bekam, was eine Aufstockung der Portion um nochmal gut 100 % ergab.

Allgemein muss man zur Gastronomie in den USA sagen, dass das Personal deutlich serviceorientierter, hilfsbereiter und motivierter ist, als man das aus Deutschland kennt. Allerdings sind ortsübliche Trinkgelder mit 20 – 25 % auch deutlich höher, als man das von den deutschen 10 % kennt.
Der Zahlvorgang läuft dann meist so ab, dass man dem Kellner die Kreditkarte mitgibt und erhält dann eine Rechnung über die Mahlzeit. Dieser wird dann auf der Kreditkarte vorgemerkt. Auf dem Kassenzettel trägt man dann den gewünschten Trinkgeldbetrag ein und addiert diesen händisch. Nach ein paar Tagen erfolgt dann die tatsächliche Abbuchung von der Kreditkarte.
Bei etwas moderneren Restaurants mit mobilen Kreditkartenlesern kann man den Trinkgeldsatz meist am Bedienteil auswählen, wobei dieses dann Vorschläge unterbreitet. Diese liegen meist bei 18 – 20 – 22 %, aber auch manchmal bei 20 – 25 – 30 %.











Einige weitere Stadtansichten aus Chicago:










Wir haben die Stadt als sehr sauber und lebenswert empfunden, wenn man mal von den stark nach Urin riechenden unterirdischen Metrostationen absieht. Wie sich zeigen sollte, ist das subjektive Sicherheitsgefühl bezogen auf das Publikum in Chicago verglichen mit anderen Städten sehr hoch. Man kann ohne nennenswerte unangenehme Begegnungen noch bis nach Mitternacht auf den Straßen unterwegs sein.







Von städtischer Seite scheint man da auch sehr bemüht zu sein. Busspuren und ein fahrradfreundlicher Ausbau der Stadt sind an vielen Stellen zu sehen:







Getrennte Anlage von Bus- und Radstreifen. Und das im Autoland USA. Nichts zu sehen von der hochgradig schwachsinnigen deutschen Abart Bus- und Radstreifen zu kombinieren.











Sogar einzelne Fußgängerbereiche sind schon zu sehen, wenn auch nicht auf Hauptverkehrsstraßen.









Der Verkehr ins Umland von Chicago wird durch die „METRA“ bedient, das sind Eisenbahnlinien unterschiedlicher Betreiber mit einem Markennamen. Das Angebot ist für amerikanische Verhältnisse sehr gut und auch stellenweise vertaktet und tagesdurchgängig.

Hier zu sehen die elektrische „south shore line“, die als „letzte Interurban“ gilt, jedoch optisch so aussieht wie jede andere Eisenbahn auch.
Das meiste der METRA-Linien wird von Diesellokbespannten Wendezügen bedient.

Nutzt man die Ventra-App, so kann man diese für Fahrten mit METRA und CTA einsetzen, doch durchgehende Tarife gibt es, soweit ich sehen konnte, nicht.
Dem Vernehmen nach kann man für die METRA auch nur umsteigefreie Einzelfahrten lösen.


Apropos Umland: Nicht weit von Chicago, nördlich, auch am Michigansee gelegen, ist Kenosha. Bereits als Kind las ich 2001 im Straßenbahnmagazin einen Artikel über die dortige Ringstraßenbahn, die dort zwischen Bahnhof und Michigansee mehr oder minder zur Stadtentwicklung eingeführt wurde.
Das Besondere: Es kommen historische PCC-Straßenbahnwagen in Lackierungen diverser amerikanischer PCC-Städte zum Einsatz.


Doch dieser Ausflug gestaltet sich mit ÖV nicht einfach. Zwar liegt Kenosha am Endpunkt der Metra, jedoch in Wisconsin. Das dichte Fahrtenangebot endet bereits auf dem Gebiet Illinois. So hätte es keine Chance gegeben einen Ausflug zu machen. Der einzige Zug nach Kenosha kommt um 17:30 etwa an und fährt kurz darauf zurück. Das Angebot ist ausschließlich an Pendler nach Chicago ausgelegt. Am Wochenende fährt nichts.

Also brauchte es einen Plan B. Der sah nach einiger Recherche so aus, dass wir am Morgen mit der Amtrak für 25 $ nach Milwaukee fuhren:



Abfahrt morgens an der Union Station




Nebendran fährt die METRA





Der Innenraum ist sehr komfortabel. Das ist bequemes Sitzen. Und WiFi gibt’s auch. Leider war der Speisewagen außer Betrieb.






Nach gut 90 Minuten erreicht man Milwaukee, größte Stadt Wisconsins.


Seit kurzem gibt es übrigens auch hier eine Straßenbahn, die wohl eher der Stadtentwicklung dient. Für die Befriedigung eines wirklichen Verkehrsbedürfnisses ist die Strecke zu kurz. Allerdings ist das System im Ausbau, hoffentlich an die richtigen Orte.
Zum Einsatz kommen knuffige Dreiteiler im 15-Minuten-Takt, die Mitfahrt ist kostenlos.









Nach gut 2,5 h Aufenthalt für Stadterkundung und ein ausgiebiges in einer örtlichen Gastronomie nutzten wir für 9 $ den USA Coach nach Kenosha, der dort nach gut einer Stunde Fahrt ankam.






In Kenosha konnten wir dann Streetcar fahren! Die Mitfahrt kostet einen Dollar. Dieser ist allerdings in bar zu entrichten. Bargeld hatten wir aber noch nicht. Glücklicherweise waren zwei mexikanische Touristinnen anwesend, die uns dankenswerterweise zu einer Mitfahrt einluden.

Der Fahrer, selbst ein lustiger Typ fragte uns nach Musikwünschen und fuhr uns zwei Runden. Auf der ersten Runde wurden die Musikwünsche der Mexikanerinnen, auf der zweiten unsere gespielt.
Die Bahn fährt alle 15 Minuten und fährt immer im Kreis.






Anschließend ging es mit der letzten und einzigen METRA wieder zurück nach Chicago. Aber Achtung: Es gibt keine Ticketautomaten in Kenosha. Für den Erwerb von Fahrkarten benötigt man die Ventra-App. Diese habe ich mir noch schnell heruntergeladen, bei meiner Freundin klappte das leider nicht, da ihr Handy meldete, dass die App „für ihre Region“ nicht verfügbar sei. Dabei hatten wir beide eine US-Simkarte im Handy, die wir uns zuvor bei Lycamobile gekauft hatten.

Glücklicherweise konnte ich zwei Tickets über meine App buchen. Im Zug fragten wir den Schaffner, ob zur Not auch ein Kauf im Zug möglich gewesen wäre. Das wäre auch möglich gewesen, allerdings nur gegen bares. Und das im Kreditkartenland USA, wo man oft Schilder wie „no cash“ vorfindet, was ich grundsätzlich begrüße.







Nächster Zwischenstopp war dann auf halber Strecke (7 $) der Ort Winnetka:



Viele Filmfreunde meiner Generation dürften dieses Gebäude kennen, das wohl inzwischen eines der Wahrzeichen der sehr schönen und beschaulichen Stadt sein dürfte.
Es handelt sich dabei um das Haus der Familie McCallister aus dem Film „Kevin allein zu Haus“






Mit dem nächsten Takt sollte es wieder zurück nach Chicago gehen. Der war etwas verspätet, was aber wenig ausmacht. In Winnetka gibt es einen schönen, historischen Wartesaal, der scheinbar durchgehend geöffnet ist. Und das ohne jegliche Vandalismus-Schäden!
Was mir an dieser Stelle auffiel war der Linksverkehr auf der Strecke. Gibt es dazu in den USA irgendwelche Festlegungen bei de Eisenbahn? Ansonsten schien mir der Rechtsverkehr eher verbreitet.






Zurück in Chicago gab es dann noch einen Crepe im örtlichen Nutella-Cafe. Der ist (mit Tee) zwar mit 20 $ erheblich teurer, als man das von deutschen Weihnachtsmärkten kennt, doch wollte ich als Nutella-Fan das Nutella-Cafe ausprobieren und unterstützen ;-)
Ich denke, dass ich es dabei belasse. Gut war es trotzdem.







So weit war es das für heute. Im nächsten Teil werde ich mich dann mit der Fahrt im California Zephyr an die Westküste befassen…


Alla hopp!
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Tw237 09. Juni 2022 08:48

Re: [US] (halb)Rundreise durch das Land von Mickey Mouse, Teil 1: Chicago(mB) (140 Klicks)

Frieder Schwarz 09. Juni 2022 15:08

Re: [US] (halb)Rundreise durch das Land von Mickey Mouse, Teil 1: Chicago(mB) (101 Klicks)

Tw237 12. Juni 2022 09:31

Re: [US] (halb)Rundreise durch das Land von Mickey Mouse, Teil 1: Chicago(mB) (146 Klicks)

Erbsenzähler89 09. Juni 2022 22:28

Re: [US] (halb)Rundreise durch das Land von Mickey Mouse, Teil 1: Chicago(mB) (105 Klicks)

Tw237 12. Juni 2022 09:27



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