12. Juni 2022 20:53
Hallo zusammen,

an dieser Stelle möchte ich die Fahrzeit im ICE 772 zur Ausstellung „Kleine Bahn ganz groß“ nutzen, um von meinen Erfahrungen mit einem anderen Zug zu berichten: Dem California Zephyr der Amtrak.

Zur allgemeinen Info vorweg:
Hier die Amtrak-Seite dazu, über die man die Fahrt auch buchen kann:
[www.amtrak.com]

Hier ein schönes Video, das der Youtuber Jeb Brooks gemacht hat: [www.youtube.com]


Schon lange vor dieser Reise war es mein Wunsch einmal die USA zu besuchen. Lange Flüge und insbesondere hohe Kosten haben mich jedoch erstmal in Europa bleiben lassen. Nun ist es zwischenzeitlich natürlich nicht billiger geworden, doch hat sich mit dem Ende des Studiums und des in der jüngsten Zeit sich gut entwickelnden Aktienmarkts eine Situation ergeben, in der es mich relativ betrachtet weniger schmerzt, wenn ein Urlaub mal etwas tiefer in den Geldbeutel greift.
Glücklicherweise habe ich zwischenzeitlich auch meine ähnlich reisebegeisterte Freundin kennengelernt, die auch dazu bereit ich mehrwöchige Fernreisen zu unternehmen. In der Absprache war es dann mein Part, mich um alles was mit Bahn und sonstigem ÖV-Gedöns zu tun hat, zu kümmern.
In meiner Laienhaften Vorstellung vor vielen Jahren sah dies so aus, dass ich mir ausmalte, dass man irgendwo an die Ostküste, New York oder so kommt, und dort einen Fernzug an die Westküste besteigen kann.
Mit etwas Nachlesen zeigte sich, dass Chicago wohl der beste Ausgangspunkt für Bahnreisen innerhalb der USA ist.
Dort starten viele bekannte Züge, wie etwa der von Arlo Guthrie besungene „City of New Orleans“: [www.youtube.com]

Unser Hauptziel sollte jedoch die Westküste sein; und die wird vom California Zephyr angefahren, einem der wohl spektakulärsten Züge der Welt.

Rein vom Naturell her bin ich eher der Typ, der an den Bahnhof geht, sich ein Ticket kauft und einsteigt. Da muss man sich keine Gedanken machen, ob man den Zug noch bekommt, ob er überhaupt fährt oder ob sonst was anderes dazwischenkommt. So bleiben alle Optionen offen. Gerade in der Corona-Zeit hat mir diese Vorgehensweise des spontanen Reisens viel Ärger erspart.
Dass ich hier jedoch meine Spontan-Komfortzone etwas verlassen muss, zeichnete sich schon ab. Denn insbesondere Schlafwagentickets sind oft streng limitiert und der Californa Zephyr verkehrt noch immer nicht täglich.
Wie wir später erfahren haben, liegt das an Freistellungen während der Corona-Zeit durch Amtrak. Als die Angebote wieder hochgefahren wurden, kam nur gut 1/3 der freigestellten Belegschaft zurück. Und nun hat man eine Personal-Lücke von vielen Tausend Mitarbeitern.


Bucht man ein Ticket in einem Fernzug der Amtrak, so hat man drei Möglichkeiten:

- Coach (Sitzwagen) (auch schon sehr komfortabel, aber nichts, worin ich übernachten wollte)
- Roomette (2er-Schlafabteil)
- Sleeper (2er-Schlafabteil mit eigener Toilette und Dusche)

Bei der Preisbildung sieht das so aus, dass man ein Coach-Ticket zahlt (gibt’s wohl für um die 150 $) und dazu einen Sleeper oder eine Roomette reserviert. Letzteres kostet gleich, egal ob 1 oder 2 Personen drin sind.

Theoretisch kann man die Fahrt wohl auch mit einem Railpass machen. Der kostet ca. 500 $ für 10 Einzelfahrten, unabhängig von der Länge. Damit wäre die Fahrt schon ab 50 $ zu haben. Doch Railpässe sind nur für Coach-Sitze anwendbar.

Da wir aber sonst nicht so viel bzw. weit Amtrak fahren würden, kam ein Railpass ohnehin nicht in Betracht.

Alle Schlafwagennutzer haben zudem Zugang zur Lounge und täglich drei inbegriffene Mahlzeiten. Wasser und Kaffee (sofern man den trinkt) sind durchgängig verfügbar.

Mein Wunsch war es die Reise wie Jeb aus Youtube in einem großen Schlafabteil zurückzulegen. Und obwohl wir schon vor Abflug von Deutschland aus gebucht haben, war kein Sleeper mehr verfügbar.
Also mussten wir auf die Roomette ausweichen. Hier konnten wir gerade noch so ein Abteil ergattern.
Gerne hätten wir noch in Denver und/oder Salt Lake City unterbrochen, doch das hätte vor Ort mindestens zwei Übernachtungen gekostet und auf einen Schlafwagenplatz hätte man allenfalls nur zwischen Denver und SLC verzichten können.
In Verbindung mit dem noch immer ausgedünnten Fahrplan war diese Idee schnell hinfällig.



Glücklich und zufrieden ein Ticket zu haben, reisten wir nach Chicago, was ich hier beschrieben habe: [www.drehscheibe-online.de]

Gezahlt haben wir für diese 52-Stündige Zugfahrt, welche zwei Übernachtungen beinhaltet ca. 1.200 € (für beide Personen zusammen)





Am Tag unserer Abreise steuerten wir die unweit unseres Hotels gelegene Union Station an, wo der California Zephyr in Zeiten des Regelfahrplans täglich um 14 Uhr abfährt.
Das Stationsgebäude ist sehr imposant und in einem Top-Zustand.
Die Bahnsteige selbst jedoch liegen unterhalb das Gebäudes einen Block weiter und sind eher als „dunkles Loch“ zu bezeichnen. Bilder waren in Teil 1 schon zu sehen.






In der Lounge kann man Platz nehmen und erhält kostenlos kleinere Snacks und Getränke, auch zum Mitnehmen. Not sollte jedoch keine bestehen, denn Amtrak lässt an Bord niemanden verhungern ;-)

Die Reisenden eines Zuges werden dann zum Boarding aufgerufen und zum Zug begleitet. Zu erst folgen stets die Leute, die auf „Red Caps“, also Hilfeleistung angewiesen sind, dann die übrigen Fahrgäste.



Der Zug hat neben dem Gastro-Personal für jeden Wagen einen Betreuer, der auch die ganze Strecke über anwesend ist. Das Zugbegleit- und Lokpersonal wechselt alle paar Halte nach ein paar Stunden wieder.





Hier ist nun unsere Roomette, das Zuhause für die nächsten 52 Stunden. Vier Toiletten und drei Duschen teilen wir uns dabei mit den anderen Roomette-Nutzern unseres Wagens.

Die Züge sind doppelstöckig, wobei die Schlafabteile, bis auf wenige Sonderabteile im Oberdeck untergebracht sind.
Im Unterdeck finden sich ansonsten Diensträume, Gepäckräume, Duschen und Toiletten. Die sehr kastigen Wagen scheinen sehr gut durchdacht.


Schon kurz nach Abfahrt des Zuges in Chicago kam unser Schlafwagenbetreuer Tony und fragte, wann wir denn zu Speisen wünschen.
Während Frühstück und Lunch über einen bestimmten Zeitraum serviert werden, in dem man einfach in den Speisewagen kommt, muss man sich für den Dinner für eine Zeit eintragen: 17, 18, 19 oder 20 Uhr.

Hinter Chicago fährt der Zug erst einmal eine Weile durch das hauptsächlich landwirtschaftlich geprägte Illinois und Iowa. Hier kann der Zug seine Geschwindigkeit bis etwa 80 mp/h ausfahren.

Diese Zeit nutzte ich für einen kleinen Rundgang:





So sehen die Sitzwagen aus. Wie man sieht, auch ein hohes Maß an Komfort und Beinfreiheit.







Blick in den Speisewagen, vorbereitet für Dinner. Hier gibt es dann sogar Stoffservietten und das gute Metallbesteck. Zu Frühstück und Lunch ist Plaste angesagt.




Und dann gibt es noch einen Aussichtswagen, der besonders bei der Fahrt durch die Rock Mountains begehrt ist.

Auch wenn der California-Zephyr lange Zeit eine Ausnahme in Sachen WiFi war, so hat man hier auch nachgerüstet. Zwar gibt es in den Abteilwagen noch immer kein WiFi, dafür aber im Aussichts- und im Speisewagen.






Die weitere Zeit bis zum Dinner kann man dann mit Lesen, Quatschen und Blicken aus dem Fenster zubringen.








Zwischenrein finden an den Bahnhöfen immer wieder einige längere Aufenthalte von 10-30 Minuten statt, für Personalwechsel, „Stretching legs“ und „smoke break“, wobei das „smoke“ in den USA glücklicherweise sehr wenig verbreitet ist und sich trotz höherer Preise noch stärker als bei uns mehr oder minder auf die absolute Unterschicht beschränkt.

Alle, die an einem Halt „detraint“ haben, werden nach dem Ende einer Pause durch das „Allaboard“, ein zweimaliges Hupen der Lokomotive, zum Wiedereinstieg gebeten.

Häufig findet man an Bahnhöfen alte Dampfloks, die als Denkmal aufgestellt sind.







Ansonsten bietet sich auch immer ein Blick in die örtliche Umgebung.







Die drei Mahlzeiten sind bei Schlafwagennutzern im Preis inbegriffen. Sitzwagennutzern war es wohl früher(TM) noch möglich gegen Bezahlung essen zu gehen, doch aufgrund des Personalmangels ist ihnen die Nutzung des Speisewagens derzeit nicht möglich.
Für diese gibt es derzeit nur die Option des Kiosks im Unterdeck des Aussichtswagens.
Das Abendessen besteht aus einer Vorspeise, einer Hauptspeise und einer Nachspeise, sowie Getränken. Alkoholische Getränke sind verfügbar, müssen jedoch bezahlt werden.

Bei allen Gängen kann man aus 3-4 Gerichten wählen.







Besonders mochte ich den Amtrak-Schokokuchen, der wirklich sehr schokoladig war.

Das Essen läuft so ab, dass man bei Betreten des Speisewagens durch einen der Kellner platziert wird. Dabei werden Tische gemischt. Ist man zu zweit, wird man zu zwei anderen Personen gesetzt. Auf diese Weise lernt man bei jedem Essen neue Leute kennen.
Da ich vom naturell her weniger auf andere zugehe, aber ansonsten sehr redselig bin, ergaben sich bei dieser Art Amtrak-Speeddating zahlreiche interessante Gespräche.
Allerdings waren wir beide mit Abstand die Jüngsten ;-)






Kommt man vom Abendessen zurück ins Abteil, wurde dieses vom Schlafwagenbetreuer für die Nacht umgerüstet.



Nach dem ersten Abendessen erreicht man bei einbrechender Dunkelheit Nebraska. Kurz vor Mitternacht gibt es noch einen längeren Halt in der Warren-Buffett-Stadt Omaha, dann geht es durch die Nacht.

Am nächsten Morgen erreicht man Denver in Colorado, wo man einen längeren Aufenthalt hat, um das schöne Bahnhofsgebäude und einige Nahverkehrszüge zu erkunden.
Den Weg vor zur Stadtbahn zu laufen, die etwa 400 m entfernt ist, habe ich mich jedoch nicht getraut.



Nach Denver beginnt der wohl spektakulärste Teil der Strecke. Und nochmal zur Info: Es ist gerade Ende Mai und in Iowa hatte es über 30 Grad (Celsius).




Langsam geht es bei trübem Wetter hoch ins Gebirge…








Irgendwann wirkt es dann schon etwas sehr frostig. …





Und beim nächsten „Stretching legs“ fanden wir uns schon mitten in einem Schneegestöber wieder!





Zwischendrein gab es natürlich immer wieder was zu Essen. Wenn man wie ich als Vegetarier auf bestimmte Gerichte festgelegt ist, bietet es sich an, nicht den spätesten Termin zum Essen zu nehmen. Denn irgendwann mal, war die vegetarische Hauptspeise aus. Doch unser Speiesewagenschaffner sagte mir „vertrau mir, ich habe was für dich!“ und kam dann später mit dieser aus allem möglichen zusammengewurschtelten Speise ums Eck. Also zumindest hungern musste ich nicht…






Noch immer in Colorado kamen wir auch wieder in wärmere Gefilde. Doch Schnee war an der Lok noch immer auszumachen.







Beim nächsten Halt herrschten wieder sommerliche Temperaturen. Beim Beine vertreten konnte ich noch dieses Foto von Warren Buffetts BNSF machen.
Leider ist mir auf der ganzen Fahrt kein Bild „meiner“ Union Pacific gelungen, bei der ich nun auch schon eine Weile investiert bin. Was übrigens für mich als Eisenbahnfreund erst nur ein „Spaßinvestment“ aus Hobbygründen war, hat sich nun doch recht positiv entwickelt.
Für Freunde der BNSF bleibt hingegen nur noch der Kauf der Aktien von Warren Buffetts Berkshire Hathaway, um sich indirekt zu beteiligen.


Am späten Abend wird dann Salt Lake City in Utah erreicht.

In Utah selbst wird das Klima schon deutlich trockener:










Ein in Utah anscheinend verbreitetes Grußritual ist das Zeigen nach nackten Hinterns in Richtung des Zuges, was über eine weite Strecke immer wieder vorkam.





Am nächsten Morgen wachten wir in der Wüste Nevadas auf und bedienten den Halt Reno.


Kurz darauf erfolgte der Übergang nach Kalifornien:













In Sacramento fand der letzte längere Aufenthalt statt. Die Stadtbahn konnte ich vom Bahnsteig aus sehen, zum Rüberlaufen schien mir die Distanz aber zu weit.


Der letzte Abschnitt folgte dann der San Francisco-Bay, wo sich auch noch ein guter Blick in das Depot der BART-Metro bot.


Am späten Nachmittag erreichten wir mit etwa einer Stunde Verspätung, zwischenzeitlich waren es mal zwei, den Endhalt Emeryville.

Das liegt von SF aus gesehen auf der gegenüberliegenden Seite der Bay, am anderen Ende der Brücke, über die einst die Bahnen des berühmten Key-Systems verkehrten.
Gerne wäre ich in eine der sechsachsigen und äußerst ansehnlichen Bridge-Units umgestiegen, doch die wurden 1958 bereits dem Autoverkehr geopfert, schon damals wohl wissend, dass das eine Kackidee ist. Aber dazu im nächsten Teil mehr…





Also wartete auf uns der Amtrak-Bus, der und über die Brücke fuhr und in der Nähe der Market street absetzte. Von dort aus konnten wir unser Hotel fußläufig erreichen.

Endlich hatten wir wieder ein Hotel, bei dem man die Fenster öffnen konnte und vor der Tür fuhr sogar der Trolleybus. Was will man mehr!

Wir gingen am Abend nochmal raus für erste Stadterkundungen, das Wesentliche sollte aber am nächsten Tag folgen, worüber ich im nächsten Teil berichten werde.



Bis dahin!


Alla hopp!





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Tw237 12. Juni 2022 20:53

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Eisdebahn 13. Juni 2022 15:01

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Sandhase 13. Juni 2022 17:50

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Eisdebahn 13. Juni 2022 18:51

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Tw237 15. Juni 2022 15:36



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