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1996: Mit dem Schönen Wochenende zur Kleinbahn Schleiz-Saalburg (338 Klicks)

14. August 2021 17:59
Prolog: Ich hätte diesen Beitrag gerne genau am 5. Mai 2021, exakt 25 Jahre nach der hier beschriebenen Reise gepostet, leider habe ich den genauen Termin verpasst. Ich hoffe, das tut der Story keinen Abbruch. Und ich entschuldige mich vorweg, dass es etwas textlastig wird.


Das Angebot „Schönes Wochenende“-Ticket (SWT) startete zum Februar 1995 zum Preis von 15 DM. Ab Mai 1995 wurden die Geltung auch auf zahlreiche Verkehrsverbünde ausgedehnt und gleichzeitig auch der Preis von 15 DM auf 30 DM verdoppelt. Trotz der Verdoppelung des Preises war das SWT so ziemlich die erste Möglichkeit nach der Bahnreform, sich zu sehr günstigen Preisen per Bahn durch die Republik zu bewegen – immerhin galt es für fünf Personen und an beiden Tagen eines Wochenendes. Nach einigen kleineren Fahrten reifte Anfang 1996 die Idee, die Möglichkeiten des Tickets stärker auszureizen. Der Preis betrug mittlerweile 35 DM.

Erstes Ziel sollte die Kleinbahn Schleiz – Saalburg werden, deren Betrieb zum 2. Juni 1996 endgültig eingestellt wurde. Wenn im Westen Bahnstrecken auf die „Abschussliste“ gesetzt wurden, stellte man in der Regel zuerst den Wochenendverkehr ein. Im Gegensatz dazu gab es im Osten auf vielen Strecken bis zur Einstellung noch täglichen Betrieb – oft zwar zu seltsamen Zeiten, aber immerhin, es gab ihn.

Vom Standort Mannheim aus war die Anfahrt (fast) ausschließlich im Nahverkehr eine interessante Tour, die ich für das „Blättl“ eines lokalen Vereins damals in Worten festgehalten habe. Meinen Originaltext aus 1996 habe ich hier als Zitate wiedergegeben, die Anmerkungen aus 2021 in roter Farbe.

Und so nehme ich euch mit zum „Heiteren Umsteigen mit dem Schönen Wochenende“
5. Mai 1996 - Tagesfahrt von Mannheim zur Kleinbahn Schleiz - Saalburg

Zitat
1996
Die besagte Kleinbahn liegt in Thüringen, war einst elektrifiziert und verliert zum 2. Juni 1996 den Reisezugverkehr. Grund genug, noch schnell mal hinzufahren. Die Route ist etwas kompliziert, und wir müssen einige Kilometer mit dem Interregio und Taxi fahren, was leider zusätzlich kostet. An Sonntagen können wir um 5:13 Uhr in Mannheim in den IR 2992 einsteigen, der an diesem Tag über Darmstadt fährt und erst um 6:07 Uhr in Frankfurt eintrifft. Leider führt der Zug keinen Bistro-Cafe-Wagen mit, so dass es in Frankfurt vordringlich erscheint, sich in der Filiale eines ameri­kanischen Spezialitätenrestaurants mit einem Frühstück oder BigMäc einzudecken.
2021: Der 5. Mai 1996 war ein Sonntag, der IR 2992 kam um 5:01 Uhr aus Stuttgart in Mannheim an und machte dort Kopf. Sein endgültiges Ziel war Frankfurt Flughafen. Heutzutage würde ich beim Umsteigen immer mal wieder den Auslöser betätigen. Damals waren Filme teuer, und so habe ich bei solch „alltäglichen“ Gelegenheiten wie beim Umsteigen in Frankfurt Hbf auf das Anfertigen von Fotos verzichtet.

Zitat
1996
Zeit fürs Frühstück ist genug, denn der RegionalExpress 3802 fährt erst um 6:27 Uhr ab. Der Wendezug mit Doppelstockwagen bringt uns bis nach Fulda, das wir um 7:48 Uhr erreichen.
2021: Auch in Fulda entstanden keine Fotos. Der Doppelstockzug aus Frankfurt war sicher mit einer Frankfurter 111 bespannt.

Zitat
1996
Hurtigen Schritts steigen wir zum RE 3554 um - der Abfahrtspfiff ertönt planmäßig um 7:53 Uhr. Der Zug bringt uns nach Bebra, (8:27 Uhr) wo wir eigentlich eingeplant hatten, in der Bahnhofsgaststätte von Frau Schwein einen kleinen Imbiss einzunehmen.


2021: Die Frau mit dem markanten Namen war zu Anfang der 1990er wohl die Chefin der Bahnhofsgaststätte gewesen. Bei einem früher(TM)en Aufenthalt hatte sie eine Mitarbeiterin, die sich häufig und sehr lautstark durch den gesamten Gastraum bei ihrer Chefin versicherte „Frau Schwein, kann ich schon abräumen“ oder „Frau Schwein, können Sie mal abkassieren…“, was uns doch sehr zum Schmunzeln brachte und uns den Namen der Inhaberin dauerhaft einprägen ließ...

Trotz des kurzen Übergangs sind hier aber die ersten Bilder entstanden.
Seite an Seite warten der VT 51 der Taunusbahn und die 294 245 der DB auf weitere Einsätze. Nach einigen Jahren bei der Taunusbahn und der Westerwaldbahn macht sich der VT 51, ein 628.4, heute in Rumänien nützlich. Die 294 245 ist nach Remotorisierung noch heute als 294 745 bei DB Cargo im Dienst:







Die orientrote 155 216 hat vier mintfarbige n-Wagen am Haken. Nach Umlackierung in verkehrsrot blieb die Lok noch bis Dezember 2009 im Einsatz. Nach knapp vierjähriger Abstellzeit wurde sie im November 2013 in Opladen verschrottet:






Einfahrt des InterRegio 2353 aus Kassel mit 112 164. Die Lok war damals erst zweieinhalb Jahre alt und durfte aber nur bis Oktober 2019 im Einsatz bleiben. Heute steht sie sich in Engelsdorf die Räder platt:




Zitat
1996
Auf den aus Kassel kommenden InterRegio 2353/2453 sind’s nur sechs Minuten (8:33 Uhr ab). In schneller Fahrt bringt uns die Lok der BR 112 nach Eisenach (an 8:58 Uhr), wo wir nun ausgiebig Zeit haben, den schönen Bahnhofsvorplatz mit den noch vorhandenen Gleisresten der längst stillgelegten Straßenbahn zu bestaunen oder uns im bestens sortierten Mitropa-Laden mit vorzüglichem Puddingpulver, Essig, Wurst, Käse und sonstigem Proviant aus ostdeutscher Produktion einzudecken.
2021: Der Bahnhof Eisenach ist nur noch ein Schatten seiner selbst, Mitropa und die Gleisreste der Straßenbahn sind auch längst verschwunden. Allerdings wurde das nicht weit entfernt gelegene ehemalige Straßenbahndepot hübsch restauriert und beherbergt heute ein Parkhaus.

Zitat
1996
So bepackt besteigen wir spätestens um 9:30 Uhr die RegionalBahn 6215. Schon in Neudietendorf (an 10:07 Uhr) ist die Fahrt wieder zu Ende, in sieben Minuten (10:14 Uhr) steigen wir auf RE 4405 nach Saalfeld um.
2021: Für uns damals wenig erfreulich, bestand der RE 4407 aus dem 628 602 des Bw Leipzig Hbf Süd. Am Bahnsteig waren die Reichsbahntypischen Leuchtkästen mit Leuchtstoffröhren noch in Betrieb. Heute gehören die 628 längst zu den Seltenheiten auf dem Netz der DB; der 628 602 erlitt im Januar 2020 einen Rangierunfall und wartet seither in Karsdorf auf bessere Zeiten.






Zitat
1996
Erstmals fahren wir nun mit Dieseltraktion. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt nach Saalfeld, welches wir um 11:07 Uhr erreichen. In den 20 Minuten Umsteigezeit lassen wir die Atmosphäre der ehemaligen Dampflokhochburg auf uns wirken, ehe wir um 11:27 Uhr mit RB 15157 nach Lobenstein weiterfahren, wo wir um 12:40 Uhr ankommen.
2021: Ein kurzer Blick in Lobenstein (heute "Bad Lobenstein") auf 204 857 mit ihrem Zug.
Anschließend gaben die Batterien meiner Kamera ihren Geist auf, kurz vor dem eigentlichen Höhepunkt der Fahrt.







Zitat
1996
Leider wurde die einst geplante Bahn von Lobenstein nach Saalburg nie gebaut, und so verlassen wir den Kurort mit einem Taxi, welches uns ins ca. acht Kilometer entfernte Saalburg bringt. Natürlich hätten wir auch unsere Fahrräder auf Fahrradkarte mitnehmen können (In den IR-Zügen wäre dann eine Reservierung erforderlich gewesen. In diesem Fall könnten wir nun die Strecke mit dem Drahtesel überbrücken).
Je nachdem, welchen Fahrstil der Taxifahrer drauf hat, bleibt uns dann einige Zeit, den Endpunkt der Kleinbahn zu begutachten.
2021: Der Taxifahrer fuhr zügig und machte auf unseren Wunsch noch einen Abstecher zur einer unterwegs gelegenen Tankstelle, wo ich mit vier frisch gekauften Batterien den Stromvorrat meiner Kamera wieder auffüllen konnte. Es hatte sich einmal wieder bewährt, dass ich in meine Chinon CP-7M nicht nur spezielle Fotobatterien, sondern auch ganz normale Mignonzellen einsetzen konnte.
Aber an einem hatte der Taxifahrer doch seine Zweifel – „Ihr wollt wirklich an den Bahnhof? Da fährt doch sicher kein Zug mehr?“ Nachdem wir ihm mehrfach versichert hatten, dass planmäßig eigentlich schon noch ein Zug fahren sollte, brachte er uns zu unserem Zwischenziel und erhielt auch ein gutes Trinkgeld.

Der letzte Fahrplan der Kleinbahn sah werktags außer samstags vier, samstags drei und sonn- und feiertags noch zwei Zugpaare vor. Mit den Verkehrszeiten der Züge ließ sich nur unter allergünstigsten Bedingungen für Berufstätige eine Hin- und Rückfahrt machen, und auch für Schüler sind die Zeiten eher wenig passend. Um 17:00 Uhr war schon Schluss:







Das sah auch schon im DR-Kursbuch 1990/91 nicht wesentlich besser aus, wenn auch der betriebsschluss noch eine Stunde später lag:






In Saalburg stand 202 656 mit einem einzelnen Bom bereit, im Übrigen war es auf dem gesamten Bahnhofsgelände sehr ruhig.
Nachtrag: die 202 656 ist neben der oben gezeigten V90 die einzige Lok dieses Beitrags, die in Deutschland noch in Betrieb ist. Sie wurde ziemlich genau ein Jahr nach dieser Reise im Juni 1997 außer Dienst gestellt, diente bei Alstom in Stendal als Arbeitsvorrat und ging im dezember 2005 modernisiert unter der Nummer 203 118 wieder in Betrieb. Nachdem sie von Alstom über viele Jahre an verschiedene Bahnunternehmen vermietet war, gehört sie heute zu Wedler Franz Logistik (WFL)







Das Umsetzgleis war noch in Betrieb, die Zufahrt zum Lokschuppen durch eine Sh2-Tafel versperrt. Einige Masten, die einst die Fahrleitung getragen hatten, waren zu Lampenmasten degradiert worden:






Ein Blick auf den Bleilochstausee:







Nochmal:






Am Zugschluss vorbei zeigt sich der (ex.) VEB
Saalburger Marmorwerke:



Zitat
1996
Bald schon wird’s mit dieser schönen Strecke vorbei sein, denken wir uns, als wir um 13:44 Uhr die aus nur einem einzigen „Halberstadter“ Wagen und einer DR-V100 bestehende RB 8661 besteigen, die uns nun vorbei am großen Stausee nach Schleiz bringt. Im Vorbeifahren zählen wir die wenigen noch vorhandenen Fahrleitungsmasten.
Bei Bahnkilometer 14,6, kurz nach Verlassen des Bahnhofs Saalburg:






Wetter und Stimmung waren gut. Bliebe zu erwähnen, dass außer uns drei von weit her Angereisten sich noch ein weiterer Fahrgast - natürlich auch ein Bahnfreak - im Zug befand. Und natürlich das Zugpersonal, Lokführer und Zugführer:







Auf der Brücke zwischen Kloster und Gräfenwarth. Heute ist die Brücke saniert, natürlich ohne Gleis, aber mit zwei Richtungsfahrbahnen für den Kraftverkehr:






Stationsgebäude des Haltepunkts Burgk:



Blick auf die Lok…







…wiederum mit ex-Fahrleitungsmast:



Zitat
1996
Viel zu schnell geht die Fahrt nach Schleiz (an 14:20 Uhr), aber kämen wir später an, so würden wir die RB 6620 (ab 14:25 Uhr) nach Plauen verpassen.

2021: Hier erfolgte der Umstieg auf den 628 415 mit Namen „Bindlach“ und Werbung für Jägermeister. Auch dieser Triebwagen durfte schon im Juni 2017 den Dienst quittieren und sich seither Karsdorf genauer ansehen.

Trotz modernster Betriebsmittel blieb auch die Strecke Schönberg – Schleiz West einige Jahre später von der Abbestellung des Personenverkehrs nicht verschont. Allerdings ist sie erhalten und wird für touristische Zwecke heute als „Wisentatalbahn“ - völlig untypisch mit West-Schienenbussen ohne Nummer vornedrauf - betrieben.






Zitat
1996
Wir könnten diesen Zug natürlich schon um 14:48 Uhr in Schönberg verlassen um dort eine Stunde auf Anschluss zu warten, ziehen es aber vor, bis zum Plauener oberen Bahnhof (an 15:05 Uhr) sitzen zu bleiben, um dort noch einen Blick auf die Straßenbahn und ihren bunten Wagenpark aus KT4D mit Ganzreklame zu werfen.
2021: Es bleib wiederum bei den Blicken; Fotos habe ich keine angefertigt.

Zitat
1996
Spätestens um 15:28 Uhr müssen wir uns abwenden und fahren mit RB 8691 los. Ein Triebwagen der Baureihe 628.4 bringt uns ins bayerische Hof (an 16:19 Uhr). Dort wartet bereits ein Pendolino, der uns um 16:28 Uhr als RE 3584 nach Nürnberg bringt.




Am Schluss der Doppeleinheit wartete 610 004 auf uns. Mit dem Ende des 610-Einsatzes wurde er im Dezember 2014 abgestellt und im Mai 2019 in Trier verschrottet:






„Richtige Züge“, vorzugsweise mit 232 oder 218 bespannt, waren damals noch das Normalprogramm. 232 077 mit einem Bundesbahn-Wagenpark:


Zitat
1996
Die Strecke Hof - Nürnberg wird in der Rekordzeit von 1h41 zurückgelegt (Schnellzüge brauchen länger!) - um 18:09 Uhr kommen wir in der Frankenmetropole an. Schon zehn Minuten später (18:19 Uhr) geht’s mit RE 3104 weiter nach Crailsheim, wo wir um 19:24 Uhr eintreffen. Um 19:37 Uhr fahren wir mit RE 3584 weiter. Um 20:46 Uhr erreichen wir Heilbronn und können ge­mütlich abwarten, bis um 21:19 Uhr der StadtExpress 3392 nach Heidelberg ab­fährt. Immer am Neckar entlang treffen wir schon um 22:36 Uhr dort ein. Um 22:55 Uhr geht’s mit RB 7286 zum Ausgangspunkt Mannheim, der Stadt mit dem berühmten Dreck zurück (Ankunft 23:14 Uhr).

Alles klar? Dann kann’s ja losgehen. Vorarbeiten: Fahrkarten für IR zwischen MA/HD und Frankfurt sowie zwischen Bebra und Eisenach kaufen und bei einem der drei Lobensteiner Taxiunternehmen das Taxi vorbestellen. An Kosten wären zu nennen: 35 DM für das Wochenendticket, ca. 34 DM für die Benutzung der InterRegios (mit Bahncard nur die Hälfte) sowie ca. 20 DM Taxikosten. Bei zwei Personen also ca. 61,50 DM pro Person für eine Fahrt, die regulär ca. 285 DM kosten würde. Ersparnis: über 200 DM und ein Bahnerlebnis in vier Bundesländern, das man wirklich in (15) vollen Zügen genießen kann.
So, ich hoffe, es war ein bisschen interessant für euch. Für Alle, die das Ganze nochmal mit dem Finger auf der Landkarte abfahren möchten:




Ich habe mal versucht, diese Reise im heutigen Fahrplan nachzubauen. Bis Lobenstein funktioniert's gar nicht übel, scheitert dann aber an den Busverbindungen ab Saalburg, die eher Richtung Jena ausgerichtet sind als nach Plauen, und ähnlich oft verkehren wie damals der Zug.


Ein zweiter Teil folgt demnächst.

Mit freundlichen Grüßen
Ralph Dißinger a.k.a. Lokleitung




4-mal bearbeitet. Zuletzt am 16.08.21 20:14.
Thema Autor Datum/Zeit

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